Klangraum – Bildinteraktion

Bruce Nauman: Bouncing Two Balls between the Floor Ceiling with Changing Rhythms, 16mm film, 10 minutes to be repeated continuously. Courtesy Electronic Arts Intermix (EAI), New York. Copyright 2013 Bruce Nauman / Artists Rights Society (ARS), New York

Nicolas Constantin Romanacci: Klangraum Bildinteraktion

Multimodalität und Medienkunst aus philosophischer und musiktheoretischer Perspektive. Betrachtungen zu Bruce Nauman im Ausgang von Nelson Goodmans Symboltheorie und einer Tropen-Typologie minimalistischer Musik.

Nicolas, Constantin Romanacci (2021): Klangraum – Bildinteraktion. In: Lars C. Grabbe, Patrick Rupert-Kruse, Norbert M. Schmitz (Hg.): Bildmodi, Der Multimodalitätsbegriff aus bildwissenschaftlicher Perspektive. Marburg: Büchner

Einführung

Medienkunst basiert auf Multimodalität. Als komplexe mediale Arrangements ermöglichen Medienkunstwerke verschiedene Modi des Weltbezugs. Gestaltung, Wirkung und die daraus resultierende Relevanz von Medienkunst entfalten sich durch eine Verbindung perzeptueller, semiotischer, referenzieller und partizipatorischer Aspekte von Multimodalität. (siehe Sachs-Hombach et.al. 2018)

Obwohl Medienkunst auf charakteristische Weise mit Multimodalität operiert, mangelt es neben den grundlegenden medienkunsthistorischen Studien an konkreten, formalen Werkanalysen zur Wirkungsweise von Multimodalität in der Medienkunst unter Anwendung bildwissenschaftlicher, bzw. genuin medien-philosophischer Analysewerkzeuge. Im Beitrag sollen anhand konkreter Werkanalysen Perspektiven eröffnet werden, die in Aussicht stellen, wie der Begriff der Multimodalität für ein Verständnis von Medienkunst entfaltet werden kann. Über das Verstehen erschließt sich die Relevanz von Kunstwerken, begriffen als multimodale Verstehensangebote in Bezug auf die Komplexität unserer Lebenswirklichkeiten. Exemplarisch werden dazu Arbeiten von Bruce Nauman untersucht, insbesondere hinsichtlich der spezifischen Art und Weise, wie sich in Naumans Werken unterschiedliche, werkstrukturierende Modi wechselseitig beeinflussen und bedingen. Der Fokus der Analyse liegt auf einer Erschließung der Beziehungsgefüge zwischen auditiven Strukturen und anderen Bereichen, deren Wirksamkeit durch eine Neuinterpretation aus der Perspektive musikalischer Organisationsprinzipien veranschaulicht werden kann. Dem genuin musikalischen Strukturelement der Wiederholung (Margulis 2014) gilt die besondere Aufmerksamkeit. In besonderer Bezugnahme auf die musiktheoretische Unterscheidung von sechs verschiedenen »repetition tropes« (Leydon 2002), die als charakteristisch für minimalistische Musik begriffen werden können, ergeben sich differenzierte Einsichten in Naumans Werkstrukturen, deren Nähe zum Minimalismus und insbesondere zur minimalistischen Musik bereits belegt werden konnten, allerdings weitgehend durch kunsthistorisch orientierte, autobiographische Belege, weniger durch konkrete, differenzierte formale Werkanalysen auf der Basis von zeichenphilosophischen, bzw. musiktheoretischen Analysewerkzeugen. Im Rahmen der konkreten Analysen wird eine der sechs »repetition tropes« – von Leydon als »aphasic« bezeichnet – eine besondere Rolle spielen, neben den Tropen »maternal«, »mantric«, »kinetic«, totalitarian« und »motoric«. Die aphasische Wiederholung vermittelt den Eindruck logischer Absurdität, sie behindert Verstehensprozesse und erzeugt im Extremfall eine wahnhaft anmutende Stimmungslage. Bezogen insbesondere auf Naumans Arbeit »Pete and Repeat«, deren Wirksamkeit anhand des Wortlautes »Pete and Repeat were sitting on a fence. Pete fell off. Who was left? Repeat.«, in exemplarischer Weise als »aphasic« beschrieben werden kann, eröffnen sich Ansätze für ein vertieftes Werkverständnis und auch neue Zugänge zu autobiographischen Einflüssen, wie etwa Naumans frühe und prägende Faszination für strukturelle Probleme der Mathematik (wie etwa »topologische« Fragestellungen), der Musik und der Philosophie, besonders der Spätphilosophie Wittgensteins (Belege und Details der aufgeführten Beispiele im späteren Verlauf). Für die formalen Analysen wird neben den speziellen musiktheoretischen Mitteln von ausgewählten symboltheoretischen Ansätzen Nelson Goodmans ausgegangen. Goodman formuliert drei Weisen der Bezugnahme, die einführend anhand Naumans Arbeit »My Last Name Exaggerated Fourteen Times Vertically« (1967) vorgestellt werden: Denotation, Exemplifikation und die metaphorische Exemplifikation. Der damit bezweckte, einführende Verweis auf das Potential der von Goodman bereitgestellten, sehr differenzierten Unterscheidungen, von welchen die drei verschiedenen Bezugnahmeformen lediglich eine Auswahl darstellen2, versteht sich als Beitrag, im Sinne eines »integralen Multimodalitätsbegriffs« (…) »ein Analyseraster zu entwickeln, das die tatsächliche Komplexität medialer Angebote berücksichtigen kann und nach den unterschiedlichen Wirkungsweisen der jeweiligen Kombinationen von Modi zu fragen erlaubt.« (Sachs-Hombach et.al. 2018: 19) Im Anschluss an die beiden zentralen Beispiele zur Einführung in Goodmans Symboltheorie und zur Veranschaulichung der Zusammenhänge zwischen den Aspekten Klang und Wiederholung werden anhand weiterer ausgewählter Beispiele und kunsthistorischer Belege Ansätze für eine weitere Vertiefung des vorliegenden Ansatzes eröffnet. Abschließend wird noch einmal auf die Relevanz der Zusammenhänge zwischen multimodalen Forschungsansätzen und Medienkunst für eine Erschließung unserer Lebenswirklichkeiten verwiesen.

Zu den vier Dimensionen von Multimodalität siehe Sachs-Hombach et.al. 2018:
Sachs-Hombach;, Bateman; Curtis; Ochsner;, Thies. 2018. Medienwissenschaftliche Multimodalitätsforschung. In Medienwissenschaft – Rezensionen / Reviews, Nr.1.

Neben Goodmans Untersuchung von verschiedenen Formen der Bezugnahme stellt beispielsweise auch seine Theorie der Notation für multimodale Analysen ein sehr differenziertes Werkzeug dar, des weiteren seine Formulierung von »Symptomen des Ästhetischen« (Goodman 1997). Das fünfte der von Goodman aufgeführten Symptome, die multiple und komplexe Bezugnahme, kann durch multimodale Analysen konkret untersucht werden.

»Nicolas Constantin Romanacci (exemplifiziert) das Potenzial mutimodaler Perspektivierungen zur Analyse klassischer Medienkunst konkret vor allem an sound-konzentrierten Installationen von Bruce Nauman: Der Fokus der Analyse liegt auf einer Erschließung der Beziehungsgefüge zwischen auditiven Strukturen und anderen Bereichen, deren Wirksamkeit durch eine Neuinterpretation aus der Perspektive musikalischer Organisationsprinzipien veranschaulicht werden kann.

›Der Fokus der Analyse liegt auf einer Erschließung der Beziehungsgefüge zwischen auditiven Strukturen und anderen Bereichen, deren Wirksamkeit durch eine Neuinterpretation aus der Perspektive musikalischer Organisationsprinzipien veranschaulicht werden kann‹. (162)

Er sieht in der Symboltheorie Nelson Goodmans mit ihrer Unterscheidung von Denotation, Exemplifikation und metaphorischer Exemplifikation das geeignete methodische Instrument, den komplexem multimodalen Verschiebungen beispielsweise zwischen Bild, Objekt, Performance, Klang, Geräusch und Sprache wie sie die avancierte Medienkunst kennzeichnet systematisch erfassen zu können. Dabei vollzieht die theoretische Analyse einen grundlegenden Akt moderner Kunst, d.h. der Ästhetik der Avantgarde, nach, wenn sie das Verhältnis von Zeichen und Bezeichneten aus einem nur konventionellen Konnex wie in der klassischen Denotation in Hinsicht auf unterschiedliche Formen der formalen und semantischen Verschränkung beider Pole befragt:

›Nelson Goodman beschreibt die Bezugnahme über die Exemplifikation in eleganter Knappheit als ‚Besitz plus Bezugnahme‘ […]. Hierbei weist das Wort ‚Besitz‘ darauf hin, dass bei der Exemplifikation, im grundlegenden Gegensatz zur Denotation, die konkreten formalen, sinnlich wahrnehmbaren Qualitäten des Zeichens, kurz, seine konkrete Gestalt, eine entscheidende Rolle spielt, da hier bei der Bezugnahme eben genau von der konkreten Gestalt ausgegangen wird, im vorliegenden Fall [der Arbeit Naumans: My Last Name Exaggerated Fourteen Times Vertically von 1967] etwa von der übertriebenen vertikalen Linienführung‹. (165)« (16)

Literatur:

Auping, Michael. 2004. »Metacommunicator«. In Bruce Nauman – Raw Materials. 2004.
Publication by Tate Modern London, 8-17.

Bateman; Wildfeuer; Hiippala. 2017. Multimodality. Foundations, Research and Analysis. A
problem-oriented introduction. Berlin, Boston: de Gruyter

Battle, Erica F. 2009. »Analogy as Art: The Infinite Trajectories of Bruce Nauman«. In Topological
Gardens. 2009. Publication by Philadelphia Museum of Art. Editor Carlos Basualdo, 85-111

Black, Max. (1962) 1981. Models and Metaphors. Ithaca, London: Cornell University Press

De Michelis, Marco. 2009. »Spaces«. In Topological Gardens. 2009. Publication by Philadelphia
Museum of Art. Editor Carlos Basualdo, 65-83

Elgin, Catherine. 1983. With Reference to Reference. Indianapolis/Cambridge: Hackett Publishing
Company.

Elgin, Catherine. 2005. »Eine Neubestimmung der Ästhetik. Goodmans epistemische Wende.« In
Symbole, Systeme, Welten. Studien zur Philosophie Nelson Goodmans, edited by Steinbrenner,
Scholz, Ernst. Heidelberg: Synchron Publishers, 43-60.

Emmer, Michele. 2013. »Topology from Art and Math to contemporary cities«. In AUSART
Journal for Research in Art. 1, (2013), 1, S. 255-264

Goodman, Nelson. (1976) 1997. Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Frankfurt am
Main: Suhrkamp.

Goodman, Nelson (1978) 1990. Weisen der Welterzeugung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Kraynak, Janet. 2014. Nauman reiterated. Minneapolis: University of Minnesota Press.

Leydon, Rebecca. 2002. »Towards a Typology of Minimalist Tropes«. In Music Theory Online. A
journal of the Society for Music Theory. Volume 8, Number 4, Dezember 2002.

Ligon, Glenn. 2014. Neon Sign, None Sing. In Disappearing Acts. 2018. Publication by Schaulager
Basel und The Museum of Modern Art New York, 163-167.

Margulis, Elizabeth. 2014. On Repeat. How Music plays the Mind. New York: Oxford University
Press.

Morgan, Robert (editor). 2002. Bruce Nauman. Baltimore, London: The John Hopkins University
Press.

Richard Middleton. 1990. Lost in Music’? Pleasure, Value and Ideology in Popular Music. In
Studying Popular Music. Open University Press.

Sachs-Hombach;, Bateman; Curtis; Ochsner;, Thies. 2018. Medienwissenschaftliche
Multimodalitätsforschung. In Medienwissenschaft – Rezensionen / Reviews, Nr.1.

Schwarz, David. 1997. Listening Subjects: Music, Psychoanalysis, Culture. Durham, N.C.: Duke
University Press.

Kataloge

Bruce Nauman. 1999. Published by ZKM Karlsruhe. Editor Götz Adriani.

Bruce Nauman – Raw Materials. 2004. Publication by Tate Modern London.
CTRL [SPACE] Rhetorics of Surveillance from Bentham to Big Brother. 2002. Publication by ZKM
Karlsruhe. Editors Thomas Y. Levin, Ursula Frohne, Peter Weibel.

Disappearing Acts. 2018. Publication by Schaulager Basel und The Museum of Modern Art New
York.

Merce Cunningham. CO:MM:ON:TI:ME. 2017. Publication by Walker Arts Center Minneapolis.
Editors Fionn Meade, Joan Rothfuss.

Topological Gardens. 2009. Publication by Philadelphia Museum of Art. Editor Carlos Basualdo.
Online

Philadelphia Museum of Art. 2009. Topological Gardens. About the Exhibition
https://www.philamuseum.org/micro_sites/exhibitions/naumaninvenice/TopologicalGardens.php

Stand 21.01.2020